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PECCATUM - Lost in Reverie

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Artist PECCATUM
Title Lost in Reverie
Homepage PECCATUM
Label MNEMOSYNE PRODUCTIONS
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sind die bizarren Kulissen aus „The Cell“ reinste Spielplatzromantik. Die Theorie, dass die nächtlichen Visitationen nichts weiteres als der Ausschuss eines unkontrolliert wuchernden Gehirns darstellen, scheint hier ihren eindrucksvollen Beweis und sensorische Manifestation zu erhalten: Der Sinnzusammenhang der zusammengetragenen Kompositionen erschließt sich nur mehr intuitiv. Die fehlende Orientierung entreißt einem den Boden unter den Füßen, die Welt dreht sich. Man wünschte sich, eine weiche Frauenstimme würde einem endlich „Abre los ojos!“ ins Ohr flüstern. Doch es bleibt dunkel.

Nacht und Tag führen in der Band-Heimat Norwegen einen erbitterten Kampf und es sind diese beiden Kräfte, welche „Lost in Reverie“ entscheidend prägen. Gefühlvolle Seelen werden trefflich bedient, doch darf man keine Angst vor gröberen Ausdrucksformen mitbringen, vor dem Dreck und dem Klärschlamm, der dickflüssig unter dem Abziehbild unser heilen, sauberen Gesellschaft seine Bahnen zieht. Wenn Popmusik der Schwamm ist, der die Flecken und den Schmutz des täglichen Lebens in den Abfluss wischt, dann sind PECCATUM der Rohrbruch, der sie mitten ins traute Heim sprudeln lässt. Vor dieser Ehrlichkeit gibt es kein Entkommen, sie tritt wie ein Geist und als Ideal vor den Hörer. „In the bodiless heart“ heißt ein Song und man beachte den feinen Unterschied. Nicht einen abgestumpften, drogenverseuchten Körper ohne Herz tragen die mittlerweile als Duo musizierenden Ihsahn (EMPEROR, THOU SHALT SUFFER) und Ihriel (STAR OF ASH) auf ihrer vierten Veröffentlichung mit sich herum, sie verwandeln sich in reine Empfindung. Und in der gibt es keine grauen Zonen, keine Kompromisse und kein vielleicht. Wenn vieles nicht konkret zu werden scheint, dann lediglich, weil es keine Bezugsgrößen mehr gibt – ebenso wie im All kein oben und kein unten, kein rechts und kein links existiert. Reguläre Songs haben in einer solchen Philosophie keinen Platz. Zarte Pianoläufe werden von Industrialbeats unterdrückt, akustischer Folk mit schnarrenden Saiten verwandelt sich in diskanten Noise, lupenreiner Metal versinkt in sentimentaler Schwelgerei. Auf „Black Star“, wahrscheinlich als magnus Opum des Werks gedacht, gelingt das noch wenig überzeugend, weil die einzelnen, für sich beeindruckenden Passagen sich nicht zu einem kohärenten Ganzen zusammenfügen. Doch „Desolate Ever After“, „Parasite my heart“ und „Stillness“ geraten zu eindruckvollen Darbietungen manischen Musizierens. „Veils of blue“ ist dann das Lied zum Coverfoto. Träge treibend wie eine Wasserleiche, mit entspannt polyrhythmischem Schlagzeug und der Textzeile „I can not swim with you“. Doch auch hier verkehrt sich das Schöne ins Hässliche, das Angenehme zur Qual.

„The banks of this river is night“ schließt das Album stimmungsvoll ab. Nach der intensiven Vielschichtigkeit, die voranging, erwartet man jeden Augenblick einen furchterregenden Ausbruch. Diese Spannung durchzieht das Stück, das natürlich ganz leise, nur zum Klavier ausklingt. Die Botschaft dieser Selbstkasteiung scheint ohnehin eine positive zu sein. Das Leben ist kein Film und alles wird erträglicher, wenn man sich darauf einlässt. Schließen wir die Augen.

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