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PHILIP AKOTO - „Menschenverachtende Untergrundmusik?“ (Buch)

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Artist PHILIP AKOTO
Title „Menschenverachtende Untergrundmusik?“ (Buch)
Homepage PHILIP AKOTO
Label TELOS VERLAG
Leserbewertung
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8.0/10 (1 Bewertungen)

Der Münsteraner Telos Verlag beschäftigt sich in seinem Schaffen vornehmlich mit den Auswüchsen von Zensur im Populärkulturbereich. Grenzüberschreitungen gewalttätiger, sexueller oder politischer Natur wird der Staatsapparat mit all seinen Machtinstrumentarien entgegengestellt. Erfreulicherweise geschieht das in objektiver Form (so weit das überhaupt machbar ist), bzw. sogar mit einer gewissen Parteinahme für das Undergroundige, Subkulturelle. Womit ich natürlich den Übergang zum vorliegenden Buch „geschafft“ habe, welches ursprünglich gar nicht als solches gedacht war. Vielmehr handelt es sich dabei um die Magisterarbeit des Münsteraner Studenten Philip Akoto, der wie ich eine humanistische Ausbildung an der Westfälischen Wilhelms Universität genießen „durfte“. Wobei sich der 1976 geborene Herr mehr den sozialen Studiengängen widmet(e) und nebenbei auch noch in diversen Metal Bands aktiv ist, z.B. MINDFIELD. Dass diese ja eigentlich „inner-universitätische“ Arbeit ihren Weg in den Buchhandel gefunden hat, deutet einerseits auf die Qualität des Werks hin, lässt andererseits aber auch gewisse inhaltliche Merkmale verständlicher werden. Als da wären eine sehr wissenschaftliche Sprache, die vor Fremdwörtern nur so strotzt, eine bestimmter Aufbau und die extrem häufige Verwendung von Zitaten. So lassen sich die 120 Seiten im A5-Format nicht mal so eben nebenbei lesen, manch einer mag auch mehrere Anläufe benötigen, gewisse Sätze zu verstehen, wobei ich mich keineswegs ausschließen will. Inhaltlich aber passen sowohl Titel (ein Zitat Funny v. Dannens) als auch Themen gut zum Terrorverlag, denn die „Subkulturen“ Metal, Gothic und Industrial zählen ja allesamt auch zu unseren Schwerpunkten.

Anhand der Anführungszeichen lässt sich schon ablesen, dass der Begriff der „Subkultur“ keinesfalls wissenschaftlich festgelegt ist. Manch einer behauptet gar, dass es ihn streng genommen nicht gibt, da es sich lediglich um diverse Kulturwelten handelt und vielen Künstlern dieser Szenen jede positive Message abgeht. Also nur eine Negierung vorhandener bürgerlicher Normen? Schockwirkung ohne Sinn und Verstand, möglicherweise sogar nur, um genau diesen Bürgern das Geld aus der Tasche zu ziehen? Man wird wohl kaum bestreiten, dass es solche Formationen gibt und genügend Vertreter der Musikindustrie, die aus dem Untergrund von heute das „große Ding“ von morgen stricken wollen. Andererseits hat es auch immer radikale Verfechter ihres jeweiligen Kulturverständnisses gegeben. Anhand von 6 Fallbeispielen ganz unterschiedlicher Couleur skizziert Akoto deren Messages, um die Verbindung von Musik, Propaganda und Weltbild offen zu legen. Vorher erklärt er dem musiktheoretisch eher unbedarften Leser noch die Unterschiede zwischen Black und Death Metal, Gothic und Industrial. Ein wenig verkürzt und schlagwort-artig aber für seine Intention allemal ausreichend. Sehr interessant dann die jeweiligen Fallbeispiele, als da wären: THANATEROS aus Berlin, die für eine Rückbesinnung auf die Schamanismus-Theorie stehen, also für ein intensiveres Leben im Einklang mit der Natur wider die modernen Götzen Jugend, Geld und Eitelkeit. THE GREY WOLVES (Industrial), die für radikalen Kulturterrorismus einstehen und sich dazu Bilder und Statements SÄMTLICHER politischer Richtungen bedienen, womit sie schon einige Faschismus-Vorwürfe einfuhren. Dann die Deather CATTLE DECAPITATION, die mit Leidenschaft und aggressiven Texten für den Tierschutz eintreten (womit sie wirklich recht einzigartig sind). MISERY INDEX und SACRED REICH, beide aus den Staaten, klagen bzw. im Falle von SR klagten die amerikanische Politik der Weltherrschaft und der sozialen Ungerechtigkeit an, wobei sie durchaus mit Fachwissen und einer gewissen Ironie vorgehen. Und zuguterletzt wären da noch DISSECTION bzw. der Protagonist und verurteilte Mörder Jon Nödveidt zu nennen, der im Knast zum Anhänger bzw. Mitbegründer der sogenannten „Misanthropic Luciferian Order“ (kurz MLO) wurde, die Sozialdarwinismus, Satanismus und Nihilismus miteinander kreuzt, im Grunde aber relativ bedeutungslos ist. Im Gegensatz zu den anderen Fallbeispielen sicherlich die gefährlichste Form einer affirmativen Subkultur, aber dennoch immerhin mehr als reiner Negativismus.

Als Folgerung aus dem Kernstück seines literarischen Werks schließt Akoto mit der These, dass auch heute noch gelten kann: Subkultur = Subversivkultur, dies aber immer für den jeweiligen Einzelfall untersucht werden muss. So unterschiedlich einzelne Bands, Musiker, Sänger der diversen Genres auftreten, so vielfältig sind auch ihre Intentionen und Ziele. Von einer klar abgegrenzten Subkultur per definitionem zu sprechen, halte ich persönlich nur im negativen Sinne für möglich, will sagen: Aus Sicht der „Normalen“ sehen Gothic und Metal wie ein monolithisches Konstrukt aus, während es der Szenekenner selbst besser weiß, der sich im Gewirr unterschiedlichster Stile und Auffassungen zurecht finden muss. Menschenverachtend jedenfalls ist diese Musik nur in den seltensten Fällen, vielmehr ist sie mehr als einmal nur der schreckliche Spiegel der menschenverachtenden Normalität!

Insgesamt ein recht theoretisches, abstraktes Buch, welches nicht sonderlich zur Unterhaltung dient, sondern vielmehr den kleinen Denkapparat von Menschen anregt, die gerne mal auf der Meta-Ebene diskutieren…

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