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RAMMSTEIN - Liebe ist für alle da (2-CD)

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Artist RAMMSTEIN
Title Liebe ist für alle da (2-CD)
Homepage RAMMSTEIN
Label UNIVERSAL
Leserbewertung
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8.4/10 (29 Bewertungen)

Wo RAMMSTEIN draufsteht, ist auch nach wie vor RAMMSTEIN drin. Allerdings bietet das 6. Studioalbum der einzigartigen Combo ganz leichte Modifizierungen, ohne dabei die Legionen an Fans zu enttäuschen. Insgesamt hat man wohl das härteste Album der Karriere abgeliefert, so Metal-lastig klang man nicht mal auf „Mutter“. Das tut der Knackigkeit des Albums hörbar gut und so verzeiht man es ihnen gerne, wenn sie schamlos bei sich selber klauen. Auch die gut 4 Jahre währende Studio-Pause war dringend vonnöten, denn gerade das hastig „Reise Reise“ nachgeschobene „Rosenrot“ wies doch einige kompositorische Längen auf. Davon ist auf dem aktuellen Chartblocker „Liebe ist für alle da“ nichts mehr zu merken und man feuert einen Hit nach dem Anderen aus den Boxen.

Schon das beginnende „Rammlied“ zeugt von der Bandeigenen (kalkulierten) Selbstironie. Großartig wenn Till im choralen Intro des Songs die Zeilen „Wer wartet mit Besonnenheit, der wird belohnt zur rechten Zeit, nun das Warten hat ein Ende, leiht Euer Ohr einer Legende… RAMMSTEIN“ intoniert in seiner ureigenen Befehlsdeutsch-Art. Der fette Beat, der mit dem von allen gegrölten „Rammstein“ einsetzt, sowie das flüssige Riff, die schwärzlichen Keyboards, der in einem Bandtypischen ruhigen Break nochmals theatralisch gesungene Introtext und der kalt-harsche Grundton des Tracks lassen ihn zu einem zukünftigen Live-Hit werden. Das folgende „Ich tu Dir weh“ rollt nach ruhigem Kurz-Intro förmlich über den Hörer hinweg, insgesamt erinnert der Song vom ganzen Aufbau her fatal an „Mein Teil“, sowohl textlich wie auch musikalisch. Lupenreiner Hit, der zudem von schön-düsteren Hintergundkeys begleitet wird. Till singt richtig melodisch in einigen Passagen und wechselt seine Gesangslagen gleich mehrfach innerhalb des Songs, das extrem fett nach vorn gehende Riff dürfte jedes Bein zum Zappeln bringen. Mit „Waidmann’s Heil“, passend mit Jagd-Horn beginnend, hat man wohl einen der härtesten Band-Tracks ever eingespielt. Nicht nur das extrem tiefergelegt-wummernde Riffing und das wuchtige Drumming (inklusive fettem Doublebass-Part!) verleihen dem Song einen unüberhörbaren Metal-Anstrich und erinnern somit an eigene Kracher wie „Feuer Frei“, auch der derbe Gesang ist ungewohnt heftig bisweilen. „Haifisch“ (inkl. Brecht-Hommage) kann mit seinem DEPECHE MODE-Hang und extremem Gothic-Einfluss das Niveau der ersten drei Tracks nicht ganz halten, bietet aber noch genug Hitpotenzial für die einschlägigen Discos, da zwar schön Gitarren verbaut sind, aber etwas reduzierter. Für die Headbanger und gleichzeitig auch Tänzer hauen RAMMSTEIN mit dem Laut/ Leise-Wechsel „B****…“ ein erneut extrem hartes Stück raus, welches ein bisschen an ältere MARILYN MANSON-Großtaten erinnert mit seinen atmosphärischen Zwischen- und den dazwischen krachenden Hartparts, in denen Till sich fast als Death Metal-Sänger versucht. Nicht spektakulär, aber sehr geil! Was man mit „Kammermusik“ wie dem teils französisch geschmachteten „Frühling in Paris“ (Édith Piaf lässt grüßen) bezwecken will, wird sich mir nie erschließen – nicht so schrecklich wie „Seemann“ seinerzeit, aber dennoch ein klarer Tiefpunkt der Scheibe. Auch wenn das ruhigere Teil Abwechslung bringt, zählt es zu den schwächeren Kompositionen im RAMMSTEIN-Universum. Als wolle man diesen kleinen Schwachpunkt gleich wieder ausmerzen, hauen sie einem mit „Wiener Blut“ (kein FALCO Cover!) gleich ein erneut extrem metallisch riffendes Stück um die Ohren, allerdings nur im harten Refrain, der mit schön pompösem Orchestergedöns gepimpt wurde. Till brüllt was das Zeug hält, singt im krassen Gegensatz dazu den Rest aber schon fast Kinderliedmäßig, was wiederum im totalen Kontrast zum (natürlich kalkuliert) derben Textthema (Amstettens Fritzl) steht. In dieser Nische steckt man jetzt halt drin, da man sich sie auch selber geschaffen hat und so kokettieren die Herren wie gewohnt mit dem guten Geschmack und bieten mit dem Single-Hit „Pussy“ einen Song, der textlich als dicker Stinkefinger an alle selbstherrlichen Langeweil-Fernseh-/ Radiosender gedacht sein dürfte (und die deutschen Sextouristen?). Vor diesem Song wird keiner davon kommen, wie die BÖHSEN ONKELZ braucht man für einen Erfolg ja schon längst keine Promotion mehr, was sich vor allem hier mehr denn je zeigt, denn den recht krassen Clip gab’s nur exklusiv auf einem „nicht ganz jugendfreien“ Portal zu bewundern und sonst nirgends. Der folgende Titeltrack ist ebenfalls hittig, zudem das schnellste Stück auf der Scheibe. Die Gitarren rauchen, die Doublebass qualmt und die spacigen Keyboards geben dem ganzen einen speziellen Touch. Kurz, straight, einfach auf die Glocke. Das überrascht dann doch ein wenig. Das groovige „Mehr“ kann nicht so recht überzeugen, weist aber wenigst amtliche Grundhärte auf. Im Gegensatz dazu steht das akustische Abschlussteil „Roter Sand“, welches an „Rosenrot“ erinnert und Till melodisch pfeifend präsentiert. Sehr dramatisch aufgebaut und schön komponiert, die Chorgesänge passen gut rein.

Ein passendes Schlusswort am Ende einer überraschend harten, aber dennoch natürlich typischen RAMMSTEIN-Scheibe, die ich mal auf ein Level mit „Mutter“ stellen würde… und das steht neben dem Debüt ganz oben auf meiner Ranking-Liste bei den Jungs! Wer sich das opulente Digi-Pack zulegt (was zu empfehlen ist!), der bekommt noch 5 weitere Songs kredenzt, die allerdings das hohe Niveau der regulären Scheibe nicht ganz halten können. Dennoch ist zumindest das stampfende und bombastische „Führe Mich“ geiler als so mancher Track auf vergangenen Alben. Auch „Donaukinder“ ist eher langsam und bombastisch-opulent ausgefallen, schön einprägender Chorus. „Halt“ zieht den Härtegrad wieder an, Till singt krank-krass am Beginn wie etwa in „Mein Teil“. Die Orchester-Version von „Roter Sand“ ist nun nicht so orchestral, wie man vermuten könnte- da hätte ich mehr Dramatik erwartet. „Liese“ ist eine textlich Krasse Version von „Roter Sand“, für mich die beste Intonation des Songs. Somit kommt man bei fast 70 Minuten Spielzeit an (reguläre CD gut 46). Unterm Strich ist aber eigentlich egal, was wir Schreiberlinge verzapfen, denn verkaufen tut sich das Album eh von alleine Millionenfach. Und doch muss man festhalten, dass die Herren endlich wieder frischere Kost bieten und trotz aller kalkulierten Provokation mitnichten musikalisch ausgewimpt sind!

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