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RAY WILSON - Genesis vs Stiltskin – 20 Years and More (2-CD/ DVD)

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Artist RAY WILSON
Title Genesis vs Stiltskin – 20 Years and More (2-CD/ DVD)
Homepage RAY WILSON
Label JAGGY D UG/ SOULFOOD
Leserbewertung
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8.5/10 (2 Bewertungen)

Wenn man RAY WILSONs Projekt „20 Years and More“ mit einem Begriff beschreiben müsste, dann wäre es „pure Menschlichkeit“. Auf dieser kleinen aber feinen Bühne gibt es große Gefühle und schicke Showeffekte, stimmungsvolle Atmosphären und amüsierende Anekdoten. Wie das Leben halt so spielt. Es ist eine Live-Aufnahme, dafür geht es vergleichsweise ruhig zu. Die Zuschauer sitzen, sie haben es gemütlich, klatschen und fügen sich angenehm in den Gesamtton ein. Sowohl Anfang als auch Ende sind kurz und ohne jeden Schnickschnack. Man kann sich gerne als Familie in den Saal setzen, mit Oma und Kindern, dem Freund und der Tante und mit allen eine gute Zeit haben.

Warum? Weil Wilson hier das auf DVD aufgenommen hat, was man allgemein Kuschelrock nennt. Beim Hören denkt man sofort an freie Straßen in der frühen Abenddämmerung oder ein Frühstück im Garten. Es ist einfach angenehm, nichts stört, nichts regt auf. Die zehnköpfige Band, die zurückhaltend und treu hinter Sänger Ray steht, lächelt immer wieder, mal in die Kamera, mal zu einem ihrer Kollegen. Neben den typischen Rockinstrumenten Gitarre, Bass und Schlagzeug gibt es einen Keyboarder, drei Geigerinnen, einen Cellospielerin und einen jungen Mann, der munter zwischen Flöte, Klarinette und Saxophon wechselt. Rays Bruder Steve gibt sich die Ehre als Backgroundsänger und Gitarrist, der direkt neben dem Solokünstler stehen darf, teilweise auch sitzen. Zwei Stunden dauert das Ganze (dies wird erschreckend genau eingehalten) und auch wenn es sich zwischendurch etwas zieht, fühlt man sich am Ende nicht, als habe man Zeit verschwendet. Das mag auch daran liegen, dass man nicht die ganze Zeit wie gebannt auf den Bildschirm starren muss, in der Angst, etwas zu verpassen. Als stimmige Begleitung für schöne Tage eignet sich die Scheibe am besten. Blaues Licht, ähnlich wie das Design der Hülle, wird von schmalen künstlichen Sonnenstrahlen durchzogen, die Muster auf den Boden werfen wie Licht die Schatten der Blätter auf den Waldboden. Da vorne, auf der Bühne des polnischen Radiosenders TROJKA, steht also RAY WILSON, der nur noch ohne GENESIS oder STILTSKIN auftritt, und spielt Stücke von beiden Bands sowie ein paar Solotitel. Auf seiner Akustik-Gitarre kleben noch zwei alte, halb abgekratzte Sticker. Statt des Headbangens sonstiger Rockkonzerte gibt es sprechende Blicke und Scherze. Die Geigerinnen glitzern in ihren Kleidern um die Wette, eine von ihnen trägt sogar Ohrringe, die aus CD-Rohlingen gemacht wurden.

Der Opener ist „Another Day“, was schon mal den entspannten, gehauchten Ton festsetzt. „Easier That Way“ bleibt einem eine Weile im Ohr, während „Lemon Yellow Sun“ das beste Feeling für den Augenblick gibt. Es ist ein Lied über eine kurze aber schicksalhafte Urlaubsliebe, mit all der surrealen Sehnsucht, die in solchen Geschichten liegt. Bei „That’s All“ kommt ein bisschen Bewegung in den Laden. Ray legt die Gitarre weg, das Publikum klatscht im Rhythmus, der Einsatz des Keyboards ist gelungen, ansonsten sind die Instrumente spärlich eingesetzt. Es geht einzig und allein um den Gesang – bis das Saxophon einsetzt und Ray ein Tamburin in die Hand nimmt. Das Intro von „The Actor“ gefällt besonders gut durch den Wechsel von Saxophon und Piano, meiner persönlichen Lieblingsinstrumente, was den Klang betrifft. Was „No Son of Mine“ angeht, einen GENESIS-Klassiker, gibt es auf der CD den kleinen Fehler, dort fehlt die Trennung zu „American Beauty“. Nichtsdestotrotz fällt der Song durch den GENESIS-Sound auf, den man jederzeit wiedererkennen würde und der auch mit unkonventionellen Rocksong-Themen nicht spart – in diesem Falle die zerstörte Beziehung zwischen einem Sohn und seinem Vater. „American Beauty“ dagegen zeigt, dass der geliebte American Dream letztlich viele gleich erfolgreiche, unbekümmerte, gelangweilte Familienväter zurücklässt. Bei GENESIS‘ „Carpet Crawler“ kann man nur erahnen, worum es geht. Aber das sollte wohl jeder für sich herausfinden.

Die nächsten drei Songs sind Solostücke. Die beiden anderen Gitarristen setzen sich links und rechts von Ray auf Stühle. Ein großer Unterschied ist nicht zu hören zwischen den drei Nummern, alles saubere Balladen. Als willkommene Abwechslung folgt direkt danach der „Airport Song“, mein heimlicher Favorit. In aller Breite berichtet Ray vorher, warum er einmal seinen Flug verschlafen hatte. um dann mit einem heftigen Kater am Flughafen zu warten und dieses Stück zu schreiben. Es klingt dementsprechend stark improvisiert sowie nach Country Music, was aber keinesfalls schlecht ist. Der Song hat eindeutig Charme und dürfte nicht allzu bekannt sein. Ein Geheimtipp. Ray meint, an dieser Stelle seinem Orchester einige Solos zu gewähren. Die nächste Handlung, in „Tale from a Small Town“, ist nicht halb so interessant. Auch bei „Wait for Better Days“ hört man irgendwann weg. Zu geradlinig. Das melancholische „Ripples“ zieht die Aufmerksamkeit zurück. „Constantly Reminded“ hat eine der dichtesten Atmosphären. Schon der Anfang mit dem Piano, dann die Melodie, die Stimme… ein genialer Song für einen imaginären Soundtrack. Aber auch hier wurde schlampig an der CD gearbeitet, denn der Titel wird einem als „Constatly Reminded“ angezeigt. Nach „Inside“ gibt es eine kurze hysterische Luftgitarre von Ray, dann springt er wegen irgendwas von der Bühne, kommt zurück, kratzt sich die Nase und zieht sich die Hose zurecht. Pure Menschlichkeit eben.

Eindeutig das unpassendste Stück ist „Mama.“ Warum um Himmels Willen fängt Wilson mittendrin an, wie eine Hexe zu lachen? Und warum hört dieser konstant wabernde Ton des Keyboards nicht auf? Es mag zwar typisch GENESIS sein, nur passt es weder in die Zeit noch zu Rays Stimme. Den Abschluss des Konzerts bilden „Calling All Stations“, welches Vergänglichkeit allgemein hinterfragt und schließlich das recht originelle „Congo“, bei dem alle möglichen Percussion-Geräte zum Einsatz kommen. Ray steht sogar selbst an den Trommeln. Man erkennt sofort den afrikanischen Klang, der aber zwischendrin unterbrochen wird. Die Botschaft: Brich auf und mach das, wonach dir ist.

Der Sänger verabschiedet sich einem eher witzigen Löwenknurren und einer kleinen Kuschelattacke. Dann folgt, wie gesagt, ein flotter Aufbruch des Orchesters ohne Zugabe. Zwei Stunden auf der Bühne waren, auch wenn die meisten nur auf einem Platz standen, eben doch lang. Ein paar der Songs hätte man bei durchschnittlich sechs Minuten Länge gerne kürzen können. Aber so ist das nun mal, wenn ein Sänger nicht nur sich selbst präsentieren will, sondern auch seinen Musikern genug Zeit gibt, sich zu beweisen. Das ist Fair Play, das ist Musik, das ist Menschlichkeit.

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