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RETO WEHRLI - Verteufelter Heavy Metal (Buch)

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Artist RETO WEHRLI
Title Verteufelter Heavy Metal (Buch)
Homepage RETO WEHRLI
Label TELOS VERLAG
Leserbewertung
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9.3/10 (3 Bewertungen)

Auch wenn sich dieses Buch sicherlich zu einem Großteil mit Heavy Metal und seinen Skandalen beschäftigt, passt der Titel nicht 100% zum Produkt. Vielmehr dann schon der Untertitel „Skandale und Zensur in der neueren Musikgeschichte“. Denn auf satten 740 Seiten kann sich der interessierte Musik-Freund nicht nur über legendäre und aktuelle Fälle von Zensureingriffen in der Welt der harten Gitarren informieren, sondern bekommt eine unmfangreiche und detaillierte Auflistung der Vorkommnisse, welche generell die Musik-Welt in den letzten Jahrzehnten zu bieten hatte.

Als Einleitung darf sich der Leser aber erstmal mit der Entstehungsgeschichte und den Schubladen-Untereilungen des Heavy Metals befassen, um sich dann durch eine Fülle von Fallbeispielen zu arbeiten. Dabei wird zuerst auf die unterschiedlichen Grade des Schamgefühls und der Zensurhärte von USA, Asien und Europa hingewiesen. Dies aber vorerst überwiegend auf Video-Clips, Filme und Comics bezogen. Mit zahlreichen Abbildungen und Beispielen führt Wehrli dem Leser vor, wie sinnig, aber auch unsinnig die Zensur vor allem in Hinsicht auf das Thema Sex damals wie heute eingesetzt wird. Am ausführlichsten behandelt werden dann die auf Musik bezogenen Falldarstellungen. Hier unterteilt nach USA/ Großbritannien und Deutschland, Schweiz und Frankreich bekommt man alle relevanten Skandale und Vorfälle der Musikgeschichte geliefert. Dabei werden neben den allseits bekannten Indizierungen und Schlagzeilen der Rock/ Metal-Welt (u.a. SLAYER generell, CRADLE OF FILTH mit ihrem Nonnen-Shirt, ALICE COOPER mit seiner Horror-Show und natürlich alles, was mit den SEX PISTOLS zu tun hat) auch die historischen Skandale um CHUCK BERRY (sexuelle Belästigungen), THE BEATLES (Drogentexte) oder auch THE EAGLES (Satanskirche auf dem Cover von „Hotel California“) beleuchtet und neuere Vorfälle der Pop Musik (MICHAEL JACKSON generell, die „Nipplegate-Affaire“ von JANET JACKSON und JUSTIN TIMBERLAKE, MADONNA generell) beleuchtet. Zur Untermalung präsentiert Wehrli diverse Übersetzungen von Songtexten, Vergleiche von Original- und abgeänderten Covern (u.a. mit den beliebten CANNIBAL CORPSE-Fällen) und auch Schmankerl, wie das Cover des Playgirls, auf dem TYPE O’ NEGATIVE-Fronter Pete Steel sein bestes Stück vorführt. In dem Kapitel über die Musikzensur im deutschsprachigen Raum überrascht dann vor allem die Tatsache, dass selbst renommierte Musiker wie UDO JÜRGENS oder die Comedy-Truppe der ERSTEn ALLGEMEINEn VERUNSICHERUNG Probleme mit TV und Radio hatten. Beschäftigt man sich mit dem Thema Zensur in Deutschland kommt man natürlich an einem Thema nicht vorbei: BÖHSE ONKELZ. Auch wenn der Autor deutlich seine Abneigung gegenüber einer der erfolgreichsten deutschen Rockbands durchschimmern lässt, beleuchtet er die History des Frankfurter Quartetts sachlich und leitet auch gleich über auf DIE ÄRZTE und DIE TOTEN HOSEN, welche ja nicht nur mit den BÖHSEN ONKELZ, sondern auch untereinander und mit dem deutschen Index so ihre Erfahrungen gemacht haben.

Beschäftigt sich ein Buch mit Skandalen der Musik und vor allem dem Heavy Metal, so darf ein Thema natürlich nicht fehlen. So wird auch hier ein ausführliches Kapitel dem Black Metal, den Morden und Brandstiftungen im Norwegen der frühen 90er gewidmet. Neben den allseits bekannten Stories über Bard „Faust“ Eithun (ex-EMPEROR, 1992 als Mörder verurteilt), DISSECTION (Sänger Jon wurde wegen Beihilfe zum Mord in den Knast geschickt), DARKTHRONE („True Arisk Black Metal“), MAYHEM (Sänger Dead beging Selbstmord, Gitarrist Euronymous wurde von BURZUMs Vikernes ermordet) und selbstverständlich Count Grishnack aka Varg Vikernes (BURZUM) wird natürlich auch über die Entstehung des NS-Black Metals, sowie den Fall des Nazis und Mörders Hendrik Möbus (ABSURD) berichtet. Dazu bedient sich Wehrli zahlreicher Bilder und Zitate aus dem Buch „Lords of Chaos“ (Moynihan & Soderlind), welches über das deutsche Plattenlabel Prophecy Production zu beziehen ist. Abgerundet wird „Verteufelter Heavy Metal“ durch Kurzbiografien so ziemlich aller relevanten Metal-Bands (und das sind nicht wenige), deren Diskographien und Unmengen an Querverweisen in die Film- und Literatur-Landschaft. Zudem ist diese Dokumentation mit mehr als 295 Fotos und Illustrationen aussagekräftig bebildert. So ist „Verteufelter Heavy Metal“ mit Einschränkungen als gutes Allgemeinwerk zum Thema Zensur und Skandale der Musikgeschichte zu sehen. Zwar lösen Aussagen wie „der braune Kleinverlag Prophecy Production“ und die doch als zu eng dargestellte Verbindung von Black Metal und NS-Szene beim metalkundigen Leser einiges an Kopfschütteln aus, aber durch die humorvolle Schreibweise und die Beispiele sinnfreier Zensur huscht auch mal ein Schmunzeln über die Lippen des Lesers.

Dieses Buch ist sicherlich kein Werk, welches man so nebenbei lesen kann und sollte. Hat man sich aber dann durch die mehr als 700 Seiten gearbeitet, wird man zukünftig die Songs im Radio, die Videos auf MTVIVA und die Filme in TV und Kino mit anderen Augen sehen.

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