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ROCKO SCHAMONI - Pudels Kern (Roman)

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Artist ROCKO SCHAMONI
Title Pudels Kern (Roman)
Homepage ROCKO SCHAMONI
Label HANSERBLAU VERLAG
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Vor genau 20 Jahren hat ROCKO SCHAMONI mit seinem Roman „Dorfpunks“ einen autobiografischen Roman über seine Kindheit und Jugend in der schleswig-holsteinischen Pampa veröffentlicht. Im Buch ist vom fiktiven Ort Schmalenstedt die Rede, gemeint ist natürlich Lütjenburg, ein 5.500-Seelen-Dorf im Kreis Plön, wo er mit seinen Lehrer-Eltern und einem jüngeren Bruder in einem lebte. Jetzt ist mit „Pudels Kern“ die Fortsetzung erschienen, die mit dem Bestehen seiner Töpferlehre einsetzt und ebenfalls stark autobiografisch geprägt ist. Der 19-jährige Tobias Albrecht (so der bürgerliche Name des bald 58-jährigen Tausendsassas) macht sich 1986 auf nach Hamburg, um der Enge des Dorfes an der Ostsee zu entfliehen und sein Glück in der Großstadt zu suchen.

Natürlich nicht als Keramiker, denn in seinem Ausbildungsberuf hat der Musiker, Schriftsteller, Entertainer, bildende Künstler und ehemalige Clubbetreiber nie gearbeitet. In der schillernden Großstadt hat er vielmehr zunächst seine Zivi-Zeit beim HSV (Hamburger Spastikerverein, inzwischen unbenannt in Leben mit Behinderung Hamburg Elternverein) in Finkenwerder absolviert und sich in seiner ranzigen Wohngemeinschaft im Schanzenviertel eingerichtet. Der Punk mit dem Kampfnamen Roddy Dangerblood ist seiner Geliebten Frenchy gefolgt und auch seine Mitbewohnerin Uta ist eine gute Freundin vom Land. Parallel zu seinem Zivi-Dasein erobert er die Subkultur St. Paulis und des Schulterblatts, durchfeiert die Nächte mit zu viel Alkohol und Drogen und versucht als Fun-Punk-Schlagerstar zu Ruhm zu gelangen. Als sich die erfolgreichen ÄRZTE 1988 auflösen, kann ROCKO SCHAMONI (so der neu gewählte Künstlername in Anlehnung an Rocky Balboa und Adriano Celentano) sogar einen Major-Deal an Land ziehen und produziert nach wenig erfolgreichen DIY-Versuchen zwei professionelle Alben, doch der Versuch des Labels, ihn zu einem veritablen Nachfolger der ÄRZTE und Teenie-Star mit Bravo-Starschnitt zu machen, scheitert kläglich. Was im Grunde auch keine Überraschung ist, denn Rocko war nie glatt genug für den Mainstream und vermutlich auch viel zu ruhelos, um in der gnadenlosen Maschinerie der Plattenindustrie zu bestehen. Dazu gesellten sich Selbstzweifel und Depressionen, aber auch jede Menge Künstler-Persönlichkeiten, deren Karrieren Ende der Achtziger ihren Anfang nahmen.

So hatte HELGE SCHNEIDER seinen ersten Hamburger Auftritt vor 15 Punks und Punketten in der Privatwohnung des GOLDENE-ZITRONEN-Gitarristen Ted Gaier in Hamburg-Altona. Überhaupt DIE GOLDENEN ZITRONEN: mit denen war Schamoni ebenso auf Tour wie mit den TOTEN HOSEN und mit dem Sänger Schorsch Kamerun war er nicht nur gemeinsam mit Ted Gaier in der Band MOTION verbunden, zusammen haben sie auch den GOLDEN PUDEL CLUB im Hamburger Hafen betrieben, nachdem sie zuvor mit weiteren Freunden in Rockos Nachbarhaus im Schulterblatt den maximal halblegalen Pudel Club initiiert hatten. Außerdem teilte Rocko seine Wohnung mit Bernadette Hengst (DIE BRAUT HAUT INS AUGE), die wie BERND BEGEMANN (DIE ANTWORT) und FRANK SPILKER (DIE STERNE) aus dem ebenfalls eher ländlichen Bad Salzuflen stammte und der Hamburger Schule zugerechnet wird. All diese Personen kreuzen die Wege von ROCKO SCHAMONI, der mit PETER MAFFAY 1986 in einer Drehpause von „Der Joker“ eine Partie Billard in einem Hinterzimmer der als Cateringort angemieteten Kneipe Totenschiff spielte oder der 1988 der Ausstrahlung des „Sexgnoms“ PRINCE erlag, der nicht nur vor 20.000 Fans eine opulente Stadionshow ablieferte, sondern nachts um 2 Uhr noch einen Aftershow-Gig in der Großen Freiheit 36 nachlegte, bei dem Rocko dank seiner dort arbeitenden Freundin Frenchy zum Kreis der rund 1.000 Ausgewählten zählte, die bis 4.30 Uhr an den Lippen des kleingewachsenen Ausnahmemusikers hingen. In seiner Stammkneipe Subito traf er 1987 auf DIE EINSTÜRZENDEN NEUBAUTEN, man trank zusammen, Rocko unterhielt sich mit Frontmann BLIXA BARGELD über Musik und Humor. Die Berliner Experimental-Noise-Industrial-Kapelle trat seinerzeit im Deutschen Schauspielhaus in der Inszenierung „Andi“ von Peter Zadek auf und ROCKO SCHAMONI war sich sicher, niemals bei einem Stück im ehrwürdigen Schauspielhaus mitwirken zu können. Er sollte sich geirrt haben, denn Schamoni komponierte nicht nur 1998 die Musik zu Elfriede Jelineks „Ein Sportstück“, das dort aufgeführt wurde, im Mai 2005 wurde im Deutschen Schauspielhaus auch die Operette „Phönix – Wem gehört das Licht“ uraufgeführt. Sie basiert auf dem Roman „Fleisch ist mein Gemüse“ von HEINZ STRUNK, den Rocko in seinen Anfangsjahren in Hamburg ebenso kennenlernte wie JACQUES PALMINGER. Ende der Neunziger wurde aus den dreien das Telefonstreich-Trio STUDIO BRAUN, gemeinsam führte man Regie bei „Phönix – Wem gehört das Licht“ und wirkte auch musikalisch und schauspielerisch mit. Womit wir auch bei den anfangs erwähnten „Dorfpunks“ wären: auch die fanden sich auf der Bühne des Hamburger Schauspielhauses wieder. 2008 war das und abermals unter der Regie und aktiven Teilnahme von STUDIO BRAUN.

ROCKO SCHAMONI ist vier Jahre älter als ich und viele der ‚öffentlichen‘ Personen, die er in „Pudels Kern“ beschreibt, haben auch mich seit meiner Jugend begleitet. Dass er jedoch zu Beginn seiner Karriere mehrfach in meiner Heimatstadt Osnabrück aufgetreten ist, war mir neu. In dem Buch ist allerdings auch von schlecht promoteten Konzerten vor wenigen Zuschauern die Rede. Damals gab es halt auch noch kein Internet und man war im Zweifel auf Mund-zu-Mund-Propaganda angewiesen. Ein Funpunk-Schlagerbarde hätte mich wahrscheinlich aber auch nicht hinterm Ofen hervorgelockt, ich freue mich jedoch, von der Osnabrücker Rockcombo (PSEIKO) LÜDE & DIE ASTROS zu lesen, die Rocko mehr oder weniger zufällig 1988 als Tourkameramann begleitet hat. Nicht weniger überrascht war ich, dass der Gitarrist und Songwriter Hardy Kayser (u.a. Teil der INA-MÜLLER-Band) jahrelang mit ROCKO SCHAMONI zusammengearbeitet hat. Das alles macht „Pudels Kern“ zu einer vergnüglichen Reise in die späten Eighties, die insbesondere Musikbegeisterte und natürlich Fans der vorkommenden Protogonisten gefallen wird. Ob ich schmollen muss, dass Herr Schamoni auf seiner ausgedehnten Lesereise ausgerechnet Osnabrück auslässt, muss ich mir allerdings noch überlegen.

Wer nicht selbst lesen möchte, kann auf das Hörbuch zurückgreifen, das bei Random House erschienen ist und vom Autor höchstpersönlich gesprochen wird.

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