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ROLAND SEIM/ JOSEF SPIEGEL - Nur für Erwachsene (Buch)

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Artist ROLAND SEIM/ JOSEF SPIEGEL
Title Nur für Erwachsene (Buch)
Homepage ROLAND SEIM/ JOSEF SPIEGEL
Label TELOS VERLAG
Leserbewertung
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Auf den ersten Blick lässt der Titel pornographisches erwarten, tatsächlich geht es dem Münsteraner Kunsthistoriker und Soziologen Dr. Roland Seim sowie Dr. Josef Spiegel vom Künstlerdorf Schöppingen jedoch darum, aufzuzeigen, was in den letzten 50 Jahren an Zensur im Bereich der Rock- und Popmusik stattfand. Gleichwohl werden zum Zwecke der Verdeutlichung durchaus diskussionswürdige Bild- und Textbeispiele geliefert. Das Buch, das unter Mitwirkung Studierender des Musikwissenschaftlichen Instituts der Uni Hamburg als Katalog zu einer gleichnamigen Ausstellung entstanden ist, teilt sich in drei große Bereiche. Nach einleitenden Worten der Herausgeber wird in sieben sehr unterschiedlichen Essays das Thema Zensur näher beleuchtet. Im sich anschließenden Bildteil, dem Herzstück der zugrundeliegenden Ausstellung, wird, unterschieden nach fünf unterschiedlichen Vorwürfen, auf 75 Seiten dem Bildmaterial ein entsprechend großer Raum gewährt. Der dritte Teil ist lexikalischer Natur. Hier werden in alphabetischer Reihenfolge zu einzelnen Interpreten Beispiele gegeben. Außerdem ist noch ein Textanhang mit beanstandeten Texten und Textauszügen angefügt.

Mit Ausnahme des Artikels über die ideologisch motivierte Musikzensur in den USA, der sehr wissenschaftlich abgefasst, dadurch aber nicht weniger interessant ist, sind die Texte sehr eingängig und informativ geschrieben. Die unterschiedlichen Autoren liefern einen umfassenden Abriss der letzten 50 Jahre; angefangen mit dem Hype um Elvis Presley und den damit einhergehenden Bedenken der staatlichen und selbsternannten Sittenwächter. Wer und was in Deutschland auf dem Index landete und welche Folgen dies für Musiker und Musikindustrie hat und hatte, wird ebenso kritisch beleuchtet. Gleiches gilt für den leichtfertigen Umgang mit rechtsradikalem Gedankengut und entsprechender Symbolik in der Rockmusik. Von jeher gab es laute Stimmen, die vor den vermeintlichen Gefahren des Heavy Metals warnten. Wem diese Stimmen im Besonderen gehören und welche Risiken nach deren Meinung Heavy Metal birgt, kann der geneigte Leser in „Nur für Erwachsene“ ebenfalls nachlesen und wird mit dem Kopf schütteln, ob der wirren Theorien, die manche Zeitgenossen vertreten. In erster Linie befasst sich das Werk mit US-amerikanischen und englischen Vorkommnissen, was Sinn macht, da in diesen Ländern sicher die Wiege des Rock ’n’ Rolls stand, und gerade in den USA Zensur ein nicht zu unterschätzendes Problem darstellt. So befassen sich auch gleich drei Beiträge in ausführlicher Weise mit dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten, das auch bei der Zensur ähnlich unbegrenzte Möglichkeiten gefunden zu haben scheint. Ein Gesetz zu verabschieden, dass die Veranstalter von Rave-Parties bei etwaigem Drogenkonsum der Gäste strafbar macht, ist schon eine Glanzleistung. Nicht weniger beeindruckend wie erschreckend auch die Repressalien während des Irak-Krieges, die auch bei den britischen Waffenbrüdern Einzug hielten. Im Abbildungsteil werden in erster Linie zensierte und unzensierte Fassungen von Covern und Booklets gegenübergestellt. Die Fotos sprechen weitestgehend für sich selbst, werden, wo nötig, aber mit kurzen Erklärungen versehen. Sehr schön lässt sich hier nachvollziehen, wie sehr der Zeitgeist sich gewandelt hat. Waren in den 50-er Jahren Plattencover mit farbigen Künstlern aus Gründen der „Political Incorrectness“ undenkbar oder mussten die „Mama’s and the Papa’s“ 1966 ihr Cover wg. der Verletzung von Moral, Sitte und Anstand ändern (die Plattenfirma wollte keine Toilettenschüssel auf dem Album), müssen heutzutage ganz andere Geschütze aufgefahren werden, um auf den Index zu geraten. Sodomie gehört dazu (NOFX „Eating Lamb“ 1996) oder Gewaltverherrlichung (CANNIBAL CORPSE „Bloodthirst“ 1999). CANNIBAL CORPSE sind übrigens wohl auch das Hassobjekt der Lehrerin Christa Jenal, die es sich zur Lebensaufgabe gemacht hat, insbesondere bei dieser Band nach Bösem zu fahnden (aktuell hat sie es auf IMPALED NAZARENE abgesehen). Im alphabetischen Lexikon kann man dann nachlesen, ob die eigene Lieblingsband auch schon von Zensur oder Zensurversuchen betroffen war. Wer hätte gedacht, dass 1986 das BILLY OCEAN-Video „When the going gets tough“ verboten wurde, weil jemand Saxophon spielte, der es gar nicht konnte! Sind MILLI VANILLI-Videos jetzt auch automatisch verboten? Ergänzend finden sich noch einige der beanstandete Texte, auf die zum Teil schon im Vorfeld verwiesen wurde. So kann sich jeder Leser selbst eine Meinung bilden, wie verbotenswert der jeweilige Text nun wirklich ist. Beispielhaft sei hier FALCOs „Jeanny“ genannt. Die angeblich „menschenfeindlichen“ Tendenzen wurden allerdings von den Radiostationen erst bemerkt, als die Platte bereits 325.000-mal verkauft worden war. Die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften sah übrigens keine Gefahr. Anders bei verschiedenen Songs der ÄRZTE. Die selbsternannte „beste Band der Welt“ hat gleich sieben Songs auf dem Index und wird nur noch von den BÖHSEN ONKELZ getoppt, deren Vergangenheit zu entsprechend zweifelhaftem Ruhm führte.

Die Macher von „Nur für Erwachsene“ erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit, beschränken sich ganz bewusst auf Teilbereiche und haben so ein gleichsam kurzweiliges wie informatives Werk herausgebracht, das das Thema „Zensur“ kritisch beleuchtet und dem Leser genügend Raum für eigene Sichtweisen gibt. Manches veranlasst zum Schmunzeln, anderes macht schon fast Angst, und gelegentlich ist die Zensur durchaus angebracht.

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