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SCHISMOPHILIA - Dystopia

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Artist SCHISMOPHILIA
Title Dystopia
Homepage SCHISMOPHILIA
Label BOEKEL RECORDS
Leserbewertung
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9.5/10 (4 Bewertungen)

Als ich mich vor mehr als fünf Jahren an dieser Stelle bemühte, die Debüt-EP von CONTRA CULTURA zu beschreiben, habe ich nach vielen Worten gesucht, um dem Umfang gerecht zu werden, doch welches Wort mir dabei nie in den Sinn gekommen wäre, ist „Dystopie“. Zu ambitioniert und vielversprechend wirkte das Paket, um ein negatives Ende zu Erwarten. Leider trug es sich dann doch zu, dass „Counter Culture“ nie einen Nachfolger bekam. Doch auch UnHappy Endings sind manchmal der Motor einer Gesellschaft und so macht sich der ehemalige CONTRA CULTURA-Sänger und Gitarrist Gogo Gassi auf einen neuen Weg: Mit SCHISMOPHILIA geht es nach der Gründung 2012 nun auf nach „Dystopia“.

Die ersten Schritte dabei wandert man auf der „Road to Perdition“, doch sobald dieses kurze Intro in den Opener „Katara“ umschlägt, ist es vorbei mit den bedächtigen Schritten. Imposant und mächtig türmt das Klangwerk die ersten Gebilde von „Dystopia“ auf, der Puls beschleunigt unweigerlich und der Sprint beginnt getrieben von dem starken Groove, vor dem es allerdings kein Entkommen gibt. Dunkle Augen, die einen argwöhnisch zu betrachten scheinen, dazu die unheilvolle Stimme von Gogo, die vom Sprachgesang über böse Shouts zu gefühlvollem Gesang und wieder zurück pendelt: hier wird trotz rockiger, teils Nu Metal’scher Vorgehensweise eine tiefe, bedrückende Atmosphäre erzeugt – und das auch, wenn man die griechischen(!) Lyrics nicht zu übersetzen vermag. Fast sechs Minuten lang hält einen die starke Nummer in ihren Klauen, die sich im melodischen, tollen Refrain etwas lockern, während ansonsten – vor allem gegen Ende – der Druck gnadenlos hoch gehalten wird. Als nächstes biegt man ab auf „The Walk of Shame“, auf welchem man direkt vom einsetzenden Drive erfasst wird wie ein achtloser Fußgänger von einem Muscle Car im vierten Gang. Auf der Motorhaube zwischen pumpenden Riff-Zylindern wird man durch die Straßen von „Dystopia“ geschliffen und während einem ganz kurz CLAWFINGER durch den Kopf schießt, brennt sich schon die Zeile „…all you get is fucked!“ ein. Sehr coole, eingängige Nummer, die mit aller Macht versucht, Nacken zu brechen. Abgeworfen wird man dann bei „Mytuma“. Hier geht es über sieben Minuten lang schon etwas vertrackter, aber mitnichten weniger kraftlos zu. Viele Rhythmus- und Tempo-Variationen, dazu die facettenreiche Darbietung der Lyrics, die von wirrem Sprachgesang über Shouts und Growls sogar ins gutturale reichen, machen hier unverständlich klar: in dieser Stadt muss man mit allem rechnen – außer nicht von extrem treibendem Metal oft rockigem Gewand unterhalten zu werden. So darf man zu Beginn von „As reality passes you by…“ aufgrund der seichten, gefühlvollen Einleitung nur kurz auf ein ruhiges Plätzchen in dieser wahnsinnigen Klang-Stadt hoffen: eine MG-Salve zerschlägt die Zuversicht und geht in einen fast schon grindigen Part über, welcher zwar von einem griechischen Folklore-Part unterbrochen, aber nicht gestoppt wird. Auch hier zeigt sich die stets präsente facettenreichen Ader: Melodie und Wucht wechseln sich nicht nur ab, sie verschmelzen mitunter und fördern immer neue Varianten zu Tage, ähnlich einem in sich beweglichen Labyrinth tun sich immer neue Wege auf, doch keiner davon scheint heraus zu führen aus „Dystopia“. Es scheint nicht aufzuhalten zu sein, diese Einsicht gewinnt man spätestens bei dem wunderschönen Outro „Deliverance“, das mittels Klavier und Cello die traurige Erkenntnis in einem aufsteigen lässt: Dystopia ist überall – und das ist aus musikalischer Sicht auch gut so!

SCHISMOPHILIA schaffen es auf ihrer Debüt-EP die oft schon so gewählte Mixtur aus Metal und Rock angenehm aufzufrischen. Dazu kreiert man auf „Dystopia“ eine schaurig-schöne Atmosphäre, die so stark und dicht ist, dass sie der mitunter treibenden Eingängigkeit problemlos standhält, gleichzeitig aber auch fähig ist, diverse Zusatzelemente aufzunehmen. So wird hier und da die griechische Sprache genau so gekonnt eingebaut wie beispielsweise auch landesübliche Folklore-Parts, ohne dass große Brüche entstehen. Wo CONTRA CULTURA noch absurd-genial durcheinanderwürfelten, setzt man nun erfolgreich auf etwas mehr Struktur. So entsteht neben In- und Outro sowie dem knapp dreieinhalb-minütigen „Radio Edit“ von „The Walk of Shame“ ein abwechslungsreiches Song-Quartett, das mich in Ansätzen mal an DRY KILL LOGIC, mal ein wenig an NEWSTED erinnert, trotzdem aber durch Kreativität im Detail noch als eigenständig heraussticht. Dazu kommt, dass man sich hier technisch auch auf einem schon extremst amtlichen Level befindet. Gogo Gassi feuert feinstes Riff-Gut ebenso souverän aus vollen Rohren wie auch tolle Soli. Stimmlich ist der Gute ohnehin ganz weit oben: Er lässt (Aus-)Druck und Kraft an keiner Stelle vermissen, fiese Shouts und böse Growls wie in „Mytuma“ überzeugen wie der tolle, oft gefühlvolle Cleangesang im Refrain von „Katara“ oder auch der griechisch-intonierte Part in „As reality passes you by…“. Großes Kino, Gogo! Gleiches gilt für den THALAMUS-Bassisten Andreas Hollywood Bacon, der nun zu seinen klangvollen Referenzen (u.a. 2011 Werbefilm Kompositionen für RTL und Vox, ex-THE BONNY SITUATION und SUNCHAIR-Gitarrist) auch mit Stolz „Studio-Bassist von SCHISMOPHILIA“ hinzufügen darf: was er hier an Wucht zu dem Liedgut dazu wummert macht schon extremst viel Laune. Ebenso die Ehre im Studio und als Gastmusiker am Schlagzeug gibt sich mit Dennis Strillinger ein Mann, der seine Sticks auch schon für SYNASTHASIA, VAN CANTO und zuletzt YODA GUITAR niederschlug. Hier donnert und groovt er sich in feinster Manier durch „Dystopia“, dass es einem wahrlich Respekt abverlangt. Veredelt wurde das Ganze dann im „Le Fink Studio“ von Produzent B-Ray, der ja auch schon bei u.a. MOBILEÉ, EKLIPSE oder EMILYS NECKLACE Hand anlegte und darüber hinaus ebenfalls über eine THE BONNY SITUATION-Vergangenheit verfügt. All das macht „Dystopia“ zu einem fast 30-minütigen Trip, der ordentlich den Staub des Metal/ Rock-Hybriden aufwirbelt und ein ganz starkes erstes Kapitel einer Geschichte sein kann, die hoffentlich nicht als Dystopie endet.

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