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SÓLSTAFIR - Endless Twilight of Codependent Love

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Artist SÓLSTAFIR
Title Endless Twilight of Codependent Love
Homepage SÓLSTAFIR
Label SEASON OF MIST
Leserbewertung
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10.0/10 (1 Bewertungen)

In einem ‚normalen‘ Jahr hätte ich Ende Oktober mit etwas Glück eine kleine Städtetour nach Skandinavien organisiert. Bevorzugt nach Oslo – vorausgesetzt, die isländische Kapelle SÓLSTAFIR hätte hier ein Konzert angesetzt, denn in den übrigen Kapitalen Helsinki, Kopenhagen und Stockholm habe ich die Epic Rock’n’Roller schon gesehen und diese kleinen Konzertreisen sind bereits so etwas wie eineTradition geworden, die irgendwann in Reykjavik ihren Höhepunkt finden soll. Angesichts der Corona-Pandemie ist an derlei allerdings bis auf weiteres nicht zu denken, aber wer weiß, ob es ohne das verfluchte Virus wohl eine neue SÓLSTAFIR-Platte gegeben hätte? Auf jeden Fall waren Aðalbjörn Tryggvason (Gesang & Gitarre), Sæþór M Sæþórsson (Gitarre), Svavar Austmann (Bass) und Hallgrímur Bárðdal (Drums) in den vergangenen Monaten nicht untätig und haben ihr sechstes Studioalbum „Endless Twilight of Codependent Love“ aufgenommen.

Vom Viking Metal der Anfangstage, die im Jahr 1994 liegen, ist anno 2020 nicht mehr viel zu spüren. Vielmehr nehmen sich SÓLSTAFIR die Freiheit, ihren Sound so zu mixen, wie sie es für richtig halten und was im Ergebnis zu diesem extrem atmosphärischen Post Rock/Metal führt, mit dem das Quartett seine Fans seit langem begeistert. In diesem Sinne beginnt der zehnminütige Opener „Akkeri“ zunächst in geheimnisvoller Zurückhaltung, um dann die Gitarren in gewohnter Weise von der Leine zu lassen. „Drýsill“ übernimmt emotionsgeladen und für das gefühlvolle „Rökkur“ haben die Herrschaften erneut Streicher ins Boot geholt. Der persönlichste Song der Langrille ist gleichzeitig der einzige in englischer Sprache: „Her Fall From Grace“ ist eine schmerzhafte Chronik darüber, wie es sich anfühlt, wenn man zusehen muss wie ein geliebter Mensch einer psychischen Krankheit erliegt. Musikalisch findet dies seine Entsprechung in eindringlichen Tonfolgen. Die Kümmernis, nicht helfen zu können, schlägt sich in „Dionysus“ nieder. Mit dieser Nummer kehrt die Band zu den Black-Metal-Wurzeln zurück und erklärt außerdem, dass das nicht geplant war, sondern der Track sich über ein Jahr lang einfach in diese Richtung entwickelt hat. Auf jeden Fall strotzt er nur so vor Energie, während sich „Til Moldar“ für SÓLSTAFIR-Verhältnisse erstaunlich reduziert, aber nicht weniger schön präsentiert. Auch „Alda Syndanna“ überrascht mit Gitarren-Licks, die es in der Vergangenheit so nicht von den ‚Antichristian Iclandic Heathen Bastards‘ gehört hätte, die jedoch direkt ins Ohr gehen. Noch überraschender ist „Or“ ausgefallen, beginnt das Stück doch mit getragenem Blues, der sich allmählich in ein gitarrenbetontes, episches Werk verwandelt. „Úlfur“ sorgt im Anschluss auf der Zielgerade für wohliges SÓLSTAFIR-Feeling, zu dem auch gehört, dass Aðalbjörns Gesang eine gewisse Verzweiflung inne ist.

Die Käufer der Vinyl- oder Deluxe Digibox können sich zudem noch über zwei weitere Lieder freuen: „Hrollkalda Þoka Einmanaleikans“ und „Hann For Sjalfur“ sind die Bonustracks und wer sich fragt, warum ihm das Cover so bekannt vorkommt, die SMASHING PUMPKINS hatten für „Mellon Collie And The Infinite Sadness“ ein ähnliches Motiv. SÓLSTAFIR haben für „Endless Twilight of Codependent Love“ jedoch auf ein Bild zurückgegriffen, das jeder Isländer kennt: Das Aquarell „The Lady of the Mountain“ ist die weibliche Personifizierung Islands und wurde erstmals 1864 von Johann Baptist Zwecker in einem Buch mit isländischen Volksmärchen veröffentlicht, aber so nie der Öffentlichkeit gezeigt. Den Isländern war dieses Bild bis vor kurzem nur als schwarz-weißer Holzschnitt bekannt, bis zwei Isländer das Original in einer walisischen Museumsgalerie fanden, wo es ein Jahrhundert lang aufbewahrt wurde, ehe es jetzt wieder auf der Heimatinsel im Nordatlantik angekommen ist. Die Musiker waren von dem Kunstwerk so begeistert, dass es einfach ihr Album zieren musste. Ich bin vor allem begeistert von der Musik des Vierers, der seinem Style neue Facetten hinzugefügt hat und gleichzeitig sich selbst treu geblieben ist. Jetzt warte ich nur noch darauf, dass die Herren ihre neuen Songs auch live performen können…

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