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SWAIN (NL) - Negative Space

VN:F [1.9.22_1171]
Artist SWAIN (NL)
Title Negative Space
Homepage SWAIN (NL)
Label END HITS RECORDS
Leserbewertung
VN:F [1.9.22_1171]
10.0/10 (1 Bewertungen)

Wer voranschreiten will, muss reflektieren können. Auf ihrer neuen Platte nehmen sich die ehemaligen Hardcore-Punks SWAIN diese Prämisse zu Herzen und verwandeln den kompromisslos aggressiven Sound ihrer Anfangstage in ein introvertiertes Gefühlswerk aus mysteriös tänzelnden Harmonien und mannigfaltigen Klangfarben. Diesen Stilwandel vollführt die Band dabei nicht in totaler Negation ihrer Vergangenheit, sondern schafft im Gegenteil ein Album, das klar durch seine schmerzvolle Vorgeschichte bedingt ist.

Die Einflüsse? Die sphärischen Momente von RADIOHEAD – untersetzt mit dem sperrigen Charme von SEBADOH – das alles vorgetragen mit einer chamäleonhaftigen Wandelbarkeit, wie sie zuletzt TITLE FIGHT anzubieten hatten. „Negative Space“ ist die Hoffnung nach einer langen Periode des Selbsthasses und ein dringend notwendiger Lichtblick in Zeiten, in denen BILLIE EILISH oder XXXTENTACION mit Texten über Depression und Suizid die Charts dominieren und wie ein Spiegelbild für eine Generation stehen, die von Zweifeln und Orientierungslosigkeit beherrscht ist. SWAINs Transformation kommt nicht von ungefähr. Bereits 2014 hatten die Niederländer ihren alten Namen THIS ROUTINE IS HELL abgelegt, weil sie ihn nicht mehr als passend empfunden hatten. „The Long Dark Blue“, die erste Langrille unter dem Namen SWAIN, betrat bereits stilistisches Neuland. Die für sie typischen Hardcore-Brocken durchmischte die Kapelle mit rau-melancholische Grunge-Balladen, die den frühen NIRVANA huldigten und den Sound wesentlich diverser und differenzierter gestalteten. Was folgte waren Touren an der Seite jener Post-Hardcore-Combos, deren Fans das Aufbrechen des Genres und stete Weiterentwicklung feiern: TOUCHÉ AMORÉ, DEFEATER, MODERN LIFE IS WAR und weitere.

Die beschriebene Wandlung setzen SWAIN mit ihrem jüngsten Studio-Output weiter fort und entziehen sich mit ihren elf Songs jeglicher Kategorisierung und schaffen so ein autonomes Werk mit manisch zirkulierenden Songstrukturen in zahlreichen Schattierungen. Klangliche Experimente werden zu einem stimmigen Gesamtkunstwerk, in dem die Lieder trotz ihres variablen Sounds immer wieder direkt ineinander übergehen. Die neue stilistische Breite des Quartetts wird zum Beispiel in „But Then What“ deutlich, das SWAIN mit lieblichen Glockenspiel-Klängen einleiten und schlussendlich in eine einprägsame Melodie aus durchdringenden Harmonium-Läufen führen. In „Dispel“ schwebt die metallisch-verzerrte Stimme von Sänger Noam Cohen inmitten einer sphärischen Klangwelt aus wabernden Synthesizern und verhallenden Klaviernoten. Im Opener und Titeltrack „ Negative Space“ stehen wiederum die eindringlich schnarrenden Gitarrenmelodien im Vordergrund, die der Vierer seit jeher zelebriert, auf diesem Longplayer aber einen ungewohnt balladesken Anstrich verliehen bekommen. Dass Cohen nicht mehr schreit, sondern so viel Mut wie noch nie zur Melodik beweist, zeigt markant SWAINs Streben nach Weiterentwicklung.

Der Sound bleibt in seiner Radikalität kein Selbstzweck, sondern spiegelt prägnant die lyrische Grundlage von „Negative Space“ wider. Nachdem sich SWAINs bisherigen Veröffentlichungen durch verzweifelte Wut und Selbsthass ausgedrückt hatten, driftet ihre neue Platte zu einem positiven Wendepunkt der eigenen Akzeptanz. In „Same Things“, auf dem TOUCHÉ AMORÉ-Sänger Jeremy Bolm als Gast zu hören ist, reflektiert die Band diesen Gedankenschritt zur Vergangenheit mit einschneidender Schärfe: „I’ve been howling mean on this stage since 15/ I was sick of the world and got lost in my dreams/ It’s so damn easy to wait, to feel mad, to just hate/ Open your eyes: you`re pulling dead weight.“ In „Skin On Skin“, einem kreisend-melancholischen Mantra mit Feature von Rap-Ikone CASPER, nehmen die Wahlberliner sogar direkten Bezug auf ihren eigenen Song „Kiss Me Hard“ und stellen sich so den dunklen lyrischen Welten ihrer alten Alben: „So kiss me hard/ Harder than last time/ It’s always on my mind/ Your soul has me shivered and scarred.“

„Negative Space“ erweist sich so entgegen der vom Titel suggerierten Erwartungshaltung nicht als das klangliche Versinken in noch schwärzeren Abgründen, sondern stellt eine Betrachtung dieser Welt aus rettender Distanz dar. Der Silberling ist keineswegs der Endpunkt einer andauernden Katharsis, sondern der Ausdruck eines Hoffnungsschimmers, der bislang noch unerreichbar schien. Dass über allem trotzdem eine gewisse Melancholie schwebt, schadet dabei nicht, denn SWAIN haben ja nicht den Auftrag mit „Negative Space“ die Welt zu retten, versüßen sie jedoch für 42:29 Minuten gekonnt mit facettenreicher Musik, die zwischen Eingängig- und Tiefgründigkeit mäandert.

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