| Artist | THE YOUNG GODS |
| Title | Appear Disappear |
| Homepage | THE YOUNG GODS |
| Label | TWO GENTLEMEN |
| Leserbewertung |
So ganz jung sind THE YOUNG GODS ja inzwischen gar nicht mehr, denn die Schweizer Post-Industrial-Kapelle gibt es bereits seit 40 Jahren und ihre Mitglieder Franz Treichler (Gesang & Gitarre), Cesare Pizzi (Sampling & Elektronik) und Bernard Trontin (Schlagzeug) befinden sich allesamt in ihren Sechzigern. Aber Kreativität hält ja bekanntlich frisch und in diesem Sinne bringt das Trio mit „Appear Disappear“ jetzt neue Konservenkost unters Volk.
Stilistisch variieren THE YOUNG GODS von Album zu Album deutlich, dieser Tage steckt auch jede Menge Gitarre im TYG-Sound, wie die geneigte Hörerschaft mit dem eröffnenden Titeltrack „Appear Disappear“ ziemlich schnell feststellt. Elektronischer geht es mit der Industrial-Walze „Systemized“ zur Sache, während „Blue Me Away“ ein wahrlich explosives Liebeslied ist. „Hey Amour“ übernimmt mit hypnotischen Tonfolgen und Flüstergesang in französischer Sprache, bevor „Blackwater“ die Samples zum Glühen bringt und davon handelt, wie man die Computerüberwachung zu seinem eigenen Vorteil nutzen kann. Übrigens war ‚Blackwater‘ der Codename einer chinesischen Aktivistin, die während der Regenschirmrevolution in Hongkong in Echtzeit die Bewegungen der Polizei kartografierte. „Tu En Ami Du Temps“ beginnt eher zurückhaltend, baut dabei eine enorme Spannung auf und entlädt diese schließlich in elektronisch verbrämten Gitarrenriffs. „Intertidal“ entfaltet mit DOORS-Anklängen eine schleichende Intensität, „Mes Yeux De Tous“ setzt hingegen auf puren elektronischen Vorwärtsdrang. „Shine That Drone“ hat ein repetitives Grundgerüst, das bestens zum Inhalt des Liedes passt, in dem die Menge mit den Füßen auf den Boden stampft, um die Drohnen in einer Staubwand zu blenden. Im finalen ‚Off The Radar‘ treffen einmal mehr tranceartige Grooves auf elektronische Industrial-Spielarten.
„Appear Disappear“ markiert womöglich das bisher ausgereifteste Werk von THE YOUNG GODS – eine Langrille, das sämtliche ihrer kreativen Stärken und stilistischen Facetten vereint: von der rohen Essenz der frühen Jahre über die Ambiente-Klanglandschaften der mittleren Phase bis hin zu den komplexen Polyrhythmen von „In C+“. Es ist eine zutiefst persönliche Platte, die sowohl politische Themen wie den Drohnenkrieg und die Lage in Gaza aufgreift, als auch Momente kollektiver Menschlichkeit feiert – etwa die gelebte Solidarität in den Anfängen der Pandemie. Gleichzeitig ist es eine kontemplative Auseinandersetzung mit Vergänglichkeit und Verlust, nicht zuletzt durch den Tod von Treichlers Frau Heleen im Jahr 2023, der den Longplayer nachhaltig prägte.

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