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THORSTEN NAGELSCHMIDT - Arbeit (Roman)

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Artist THORSTEN NAGELSCHMIDT
Title Arbeit (Roman)
Homepage THORSTEN NAGELSCHMIDT
Label S. FISCHER
Leserbewertung
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Die Mauer war gerade gefallen, als ich zuletzt ausgiebig die Berliner Nächte unsicher gemacht habe. Danach gab es gelegentliche Besuche an der Spree, aber irgendwie hatte das dicke B nach der Wende seinen Reiz für mich verloren und weshalb ununterbrochen alle Welt in die bundesdeutsche Hauptstadt pilgert, erschließt sich mir nur begrenzt. Dennoch rumpeln unzählige Touri-Rollkoffer durch die angesagten Stadtteile und wer sich für kreativ hält, muss sowieso hierher – egal ob aus dem In- oder Ausland. Nicht zu vergessen natürlich die Studierenden aller Herren Länder. Um all diese Menschen geht es in THORSTEN NAGELSCHMIDTs viertem Roman „Arbeit“ nur am Rande. Der Autor und Musiker, der mit seiner Band MUFF POTTER bekannt wurde, entwirft vielmehr ein schillerndes Kaleidoskop verschiedener Nachtarbeiter, die der 44-jährige Wahl-Berliner zwölf Stunden lang in ihrem Kiez begleitet.

Eine einzige Nacht reicht Nagel, um ein facettenreiches Bild dieser gehypten Kapitale zu zeichnen, das so gar nichts mit den Hochglanzbroschüren der Fremdenverkehrsbüros zu tun hat und vielmehr die Night-Jobber im Visier hat. Da geht es um Drogendealer, idealistische Notfallsanitäterinnen, Polizisten am Rande der Resignation, einen jugendlichen Straftäter mit Migrationshintergrund und die Späti-Besitzerin, auf deren Kasse er es abgesehen hatte. Man betritt ein Kreuzberger Hostel mit seinen gestrandeten Langzeit-Bewohnern und der Rezeptions-Nachtschicht, die sich eher wie ein schlecht bezahlter Sozialarbeiter fühlt, während auf der anderen Straßenseite der Türsteher entscheidet, wer in den Club kommt und sich Gedanken macht, ob seine Arbeitszeiten seine Familie vollends zerstören. Der Leser begleitet einen Taxifahrer, der viel lieber Musik machen möchte und seinen Fahrgast durch die Nacht und irgendwie sind alle diese Figuren miteinander verwoben. Treffen an irgendeiner Stelle in dieser Nacht aufeinander, bleiben einander in Erinnerung oder eben auch nicht: wer macht sich schon Gedanken über eine Flaschensammlerin, die ihre Pfandeinnahmen einer Freitagnacht in den Wert von Kinotickets umrechnet? Und wer macht eigentlich alles wieder sauber, was feierwütige Touristen, Studenten und Raver an Dreck hinterlassen?

THORSTEN NAGELSCHMIDT hat darauf eine Antwort und skizziert über 334 kurzweilige Seiten eine Stadt, die ewig jung sein will, aber gerade deshalb auch ihre Schattenseiten hat. „Arbeit“ schaut auf diejenigen, die den Amüsierbetrieb am Leben halten und aus genau diesem Grund von der schillernden Seite Berlins zumindest im Job häufig die eher tristen Momente erleben. Dies tut er mit einem präzisen Blick auf das fiktive Geschehen, dem zweifellos eine Menge Insider-Wissen inne ist und mit einem sprachlichen Duktus, dessen Schnodderigkeit genau den richtigen Ton findet.

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