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TOCOTRONIC - s/t (Das rote Album)

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Artist TOCOTRONIC
Title s/t (Das rote Album)
Homepage TOCOTRONIC
Label VERTIGO
Leserbewertung
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9.3/10 (4 Bewertungen)

Seit mehr als 20 Jahren zählen TOCOTRONIC zu den Grundfesten der deutschsprachigen Indie-Rock-Szene. Dirk von Lowtzow (Gesang & Gitarre), Jan Müller (Bass), Arne Zank (Drums & Keys) und Rick McPhail (Gitarre & Keys) präsentieren jetzt ihr elftes, das rote Album, mit dem sie sich zugleich vom Diskurs-Rock verabschieden wollen. Stillstand bedeutet bekanntlich Rückschritt und so darf man gespannt sein, wohin die Reise anno 2015 mit TOCOTRONIC geht.

Mit dem „Prolog“ gelingt den Hamburgern ein perfekter Auftakt, der mit pulsierenden Rhythmen die Spannung steigert und Lust auf mehr macht. In diesem Sinne schließt sich auch das federleichte „Ich öffne mich“ an, bevor die beschwingte Vorab-Single „Die Erwachsenen“ aufklärt, dass sich TOCOTRONIC mitnichten zu den Erwachsenen zählen, sondern vielmehr Babys sind. Der „Rebel Boy“ klingt vergleichsweise wenig rebellisch, aber das ist möglicherweise auch ein Zeichen der Zeit: Warum irgendwo gegen sein, wenn man sich in seiner eigenen kleinen Welt bequem einrichten kann? Vor 20 Jahren haben TOCOTRONIC noch behauptet „Über Sex kann man nur auf Englisch singen“, jetzt beweisen sie mit dem gelösten „Chaos“ höchstpersönlich das Gegenteil – wenn auch recht verklausuliert. Dafür ist die „Solidarität“ eindeutig: Sie gehört minimalistisch instrumentiert allen, denen ihre Individualität heilig ist und „unter Spießbürgern Spießruten laufen müssen“. Dass „Spiralen“ extrem entspannend sein können, beweist der gleichnamige Song, der absolut unaufgeregt für Muße sorgt. Derweil klingt das straighte „Sie irren“ wie eine Hommage an THE CURE, wohingegen „Haft“ erneut eindeutig tocotronische Klänge offeriert. Neben der typischen Gitarrenarbeit ist es insbesondere Dirks Gesang, der absoluten Wiedererkennungswert hat. Aus der Reihe fällt in diesem Zusammenhang das nachfolgende „Zucker“, mit dem der Vierer den bandeigenen Sommerhit zum Besten gibt – so viel Pop-Appeal hat man von den Herrschaften selten gehört. Anders „Jungfernfahrt“, das nicht nur stilistisch an die jungen Tocos erinnert, sondern auch frt ersten großen Liebe gedenkt. Das finale „Diese Nacht“ ist in der Tat eine Art Schlaflied, mit dem sich Kapelle bestens von ihren Zuhörern verabschieden könnte, gäbe es da nicht noch einen Hidden Track namens „Date mit Dirk“. Weshalb der Song nicht separat genannt wird, vermag ich nicht zu sagen, doch nach wenigen Sekunden Pause erklingt Wassergeplätscher und Vogelgezwitscher, sodass man sich bald in einem Wald verortet sieht, über den ein Flugzeug hinwegrauscht, ehe die Akustikgitarre von einer Verabredung erzählt, die irgendwie ein bisschen aus den Fugen geraten ist.

TOCOTRONIC berichten auf ihrem roten Album von der Liebe in allen ihren Schattierungen. Sie blicken außerdem zurück und sind heuer nicht so Krawall gebürstet wie das in der Vergangenheit durchaus der Fall sein konnte. Den nötigen Biss hat das Quartett dabei glücklicherweise nicht verloren und so macht es Spaß, mit den Jungs in ihrer aktuellen Gefühlswelt unterwegs zu sein.

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