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TYSKE LUDDER - Sojus

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Artist TYSKE LUDDER
Title Sojus
Homepage TYSKE LUDDER
Label BLACK RAIN
Veröffentlichung ..
Leserbewertung
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7.3/10 (54 Bewertungen)

„Sojus, eine wertfreie Vereinigung aller kleinen und großen persönlichen und gesellschaftlichen Desaster des neuen Jahrtausends. Willkommen in der Wirklichkeit…“ Keine besonders lebensbejahende Einleitung, welche uns das norddeutsche Quartett TYSKE LUDDER nach Jahren der musikalischen Diaspora kredenzt. Zwischen 1994 und 1996 bescherte uns die „Deutsche Hure“ 2 Alben und 1 EP, welche in gewissem Sinne wegweisend waren für das heutzutage gemeinhin „Dark Electro“ genannte Genre. So ist es auch in jeder Hinsicht nachvollziehbar, dass man beim „Spezialisten“ Black Rain sein überaus gelungenes Comeback feiert.

Die Rundreise beginnt mit dem Englisch intonierten „Betrayal“, wobei die überwiegende Anzahl der Tracks in deutsch verfasst wurde. Und das ist auch gut so, verstehen es TL doch, brisante Themen und eindringliche Samples in ihrer Muttersprache perfekt auf den Punkt zu bringen. Dabei versteht sich von selbst, dass man keine besonders Amerikafreundliche Position bezieht, so wie man insgesamt einige heiße Eisen anpackt. Gerade in Zeiten der Mohammed-Karikaturen könnte ein Stück wie „Khaled Aker“ zu einigen Irritationen führen, wenn es im Refrain heißt: „Gelobt sei Allah, gelobt seine Lehre, wir bauen ihn auf und kämpfen um Ehre… der grüne Mond wird Helden zieren…“. Dabei geht es in dem Text eigentlich um die Baader-Meinhof-Gruppe, wie schon das Eingangssample unmissverständlich klar macht. Am 1. Juni 1972 wurden mit Andreas Baader, Jan-Carl Raspe und Holger Meins drei der wichtigsten Köpfe der RAF in einer spektakulären Aktion hochgenommen. 5 Jahre später entführten arabische Terroristen die „Landshut“ und versuchten damit, ihre Gesinnungsgenossen im Geiste freizupressen, von daher der Bezug zu den Gotteskriegern. Namentlich werden auch die RAF-Opfer Bubach, Schleyer und Ponto erwähnt: Starker lyrischer Tobak, aber auch ein sehr starker Song. Genau wie z.B. „Schreie“, wo besonders der Refrain mit einer ungewöhnlichen Melodieführung überzeugt, dazu wird auch der Gesang leicht verfremdet. Stichwort Gesang: „Albert-X“ verfügt über eine äußerst markante Stimme, die sicher polarisieren wird. Brutal und aggressiv rört er meist in einer Tonlage herum, was ein wenig an härtere Metal- oder HC-Formationen erinnert. Die BÖHSEn ONKELZ des Electros? Fast scheint es so, wenn man sich Kompositionen wie „Canossa“ zu Gemüte führt, das textlich fast ausschließlich aus Redewendungen besteht und damit politische Fehlentwicklungen wie Oscar Lafontaine anprangert. Der Mann ist allerdings wirklich eine einzige politische und menschliche Fehlentwicklung, da kann ich nur zustimmen. Während einige Tracks mit ihrer Aggressivität an einen räudigen Straßenköter erinnern, der auf seine alten Tage noch mal richtig zuschnappt, gibt es andernorts auch ein paar Future Poppige Klänge auf die Ohren. Besonders „Bionic Impression“ kann hier überzeugen. Wie schon erwähnt haben TYSKE LUDDER ein gutes Händchen für Samples. Da wären besonders De Niros Worte aus „Taxi Driver“ zu nennen („Du laberst mich an“) und der filmhistorisch überaus beeindruckende und zu Herzen gehende Schlussmonolog des letzten Replikanten aus „Blade Runner“, gespielt von Rutger Hauer. Dieser wird perfekt in das abschließende Instrumental „Orion“ integriert.

Doch die über 50 Minuten währende reguläre Scheibe ist noch nicht aller Tage Abend. Die limitierte Bonus-Remix-CD bietet noch einmal 10 Tracks mit annähernd gleicher Laufzeit auf. Hier versuchten sich bekannte und weniger bekannte Namen an den Originalen, wie etwa MASSIV IN MENSCH, der Belgier GRANDCHAOS oder T.A.N.K. Besonders beeindruckend fallen hier die noisige Bearbeitung von NOISEX (sic) und die typische Wertarbeit der Labelkollegen FEINDFLUG aus. Ganz am Ende gilt es beim WORST CASE SCENARIO-Mix dann noch heftige E-Gitarren zu entdecken, die in Verbindung mit dem heiseren Gebelle fast an Kapellen wie TOTENMOND gemahnen, sehr lecker. Auf alle Fälle lohnenswert dieser zweite Silberling, diese Auflage soll allerdings schon fast vergriffen sein.

TYSKE LUDDER vollbringen hier das Kunststück, gleichzeitig modern und erdverbunden retro zu klingen. Jederzeit tanzbar, dabei zumeist heftigst aggressiv und noch dazu mit diskussionswerter Lyrik. Wer mit dem Gesang klarkommt (wie ich), kann sich dieses Black Rain Release mal wieder „blind“ zulegen!

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