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VARIOUS ARTISTS - Waahnsinn – Live at Wackersdorf

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Artist VARIOUS ARTISTS
Title Waahnsinn – Live at Wackersdorf
Homepage VARIOUS ARTISTS
Label EMI
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9.2/10 (5 Bewertungen)

26.04.1986 – in Tschernobyl kommt es zum atomaren Super-GAU. Zu diesem Zeitpunkt demonstrieren in der Oberfalz bereits seit 5 Jahren Bürger aller Generationen und Schichten gegen den Bau einer Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf. Nun nahm der Widerstand erst Recht zu und die Demonstrationen wurden so heftig, dass die Polizei erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik Reizgas einsetzte. Bereits in den Jahren davor hatte es „Anti-WAAhnsinns-Festivals“ gegeben, aber das 5. WAA Open Air am 26. und 27. Juli 1986 sollte als das bis dahin größte Open-Air Deutschlands in die Geschichte eingehen. Ursprünglich genehmigt waren 40.000 Eintrittskarten, am Ende sollen 120.000 Menschen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz nach Burglengenfeld geströmt sein. Um weitere Eskalationen am Bauzaun zu vermeiden, waren Veranstalter als auch Polizei übervorsichtig. Stundenlange Staus, akribische Fahrzeugkontrollen und nervenaufreibende Diskussionen mit den Herren in Grün gingen dem Einlass auf das Gelände voraus. Bis auf wenige Rangeleien am Rande blieb das Festival friedlich. Drei Jahre später wurde der Bau der WAA offiziell gestoppt und beendet. Mit der Wiederveröffentlichung einer Doppel-Live-CD erinnert die EMI nun an dieses spektakuläre Festival. 21 Künstler und Gruppen haben über 2 Tage 28 Stunden Programm gestaltet und dabei auf ihre Gagen verzichtet. Das Booklet lässt viele von ihnen zu Wort kommen und ihre Eindrücke von damals schildern, außerdem nachzulesen ist die Rede von Günter Wallraff.

CD 1
In chronologischer Reihenfolge dokumentiert CD 1 den Samstag. ULI HUNDT UND DER WAHNSINN sowie DIE FIRMA machten den Anfang und wurden dem großen Einlauf geopfert. Insgesamt 600 Journalisten aus 10 Ländern liefen auf, um vom WAAhnsinn zu berichten. Durchs Programm führten Eisi Gulp und Evelyn Seibert. Nachdem der (1990 verstorbene) südafrikanische Pianist CHRIS MC GREGOR für „Me and you“ auf seinem Electro-Piano rumgejazzt hatte, folgte KEVIN COYNE mit der bluesigen Nummer „Saviour“. Der (ebenfalls schon verstorbene) britische Rockmusiker lehnte nach dem Tod von Jim Morrison 1971 das Angebot, neuer Sänger der DOORS zu werden ab. Er kam vermutlich über die Bekanntschaft zu HAINDLING Sänger Hans-Jürgen Buchner zu diesem Festival. Das FRANKFURTER KURORCHESTER schaffte mit „Blues“ den Übergang zu Bayerns Urgesteinen HAINDLING, die mit „Schwarzer Mann“ ein nettes Mitsingspielchen mit dem Publikum machten. Es geht inhaltsschwanger weiter mit „Wenn die Welt zusammenbricht“ von PURPLE SCHULZ, der ein Jahr vorher mit „Verliebte Jungs“ einen großen Hit gelandet hatte. Österreich war durch WOLFGANG AMBROS vertreten, der das BOB DYLAN Cover „Für immer jung“ intonierte. Für BOB DYLAN im Vorprogramm gespielt hatte 1984 WOLF MAAHN, der sich in diesen Jahren auf dem Höhepunkt seiner Karriere befand. An diesem Abend trug er passenderweise die ungekrönte Festival-Hymne „Tschernobyl“ vor. Und dann kamen BAP mit „Nemm mich met“ und man hört wie die Massen tobten. Dann gab es noch mal was von BOB DYLAN auf die Ohren, das von WOLFGANG AMBROS, WOLFGANG NIEDECKEN, ANNE HAIGIS und KEVIN COYNE gemeinsam vorgetragenen „Like a Rolling Stone“.

CD 2
Es ist immer noch Samstag. UDO LINDENBERG knödelte das kritische „Sie brauchen keinen Führer“ ins Micro. Dann nahmen 40 Musiker Aufstellung, Udo ging an die Drums und die ALLSTARS singen zum Abschluss des Tages „Deserteure“. Am Sonntag wurden dann die, die am Vortag einfach da, wo sie standen eingeschlafen sind, von Wagners Walküre unsanft geweckt. Dann übernahmen die TOTEN HOSEN und rufen zum „Großalarm“. Diese hatten sich bis dahin einen Spaß aus den scharfen Einlass-Kontrollen gemacht und waren mehrfach raus- und wieder aufs Gelände gefahren und brachten es am Ende auf sechs Kontrollen. Anschließend kehrte erst einmal wieder Gemütlichkeit ein. Das THEATRE DU PAIN (mit dem von mir verehrten MARKUS MARIA JANSEN, der einige Jahre später mit M. WALKING ON THE WATER Karriere machen sollte) versuchte mit einer dadaistischen Vorstellung sich selber, das Festival und die anderen Künstler in Frage zu stellen. MO AND THE GANGSTERS OF LOVE hatten es mit „Make money“ so früh am Tag noch schwer, für die Bayrischen BIERMÖSL BLOSN mit „Tschüß Bayernland“ hingegen hieß es hörbar Heimspiel. Nach FRITZ BRAUSEs Jazzpop „Zero Zero“ kam ANNE HAIGIS und sang sich bei „Greatest love of all“ von WHITNEY HOUSTON die Seele aus dem Hals. Dann durften die Hessen RODGAU MONOTONES mit „Volle Lotte“ ran – kurz, aber heftig. Es folgte das furiose Finale eingeleitet von HERBERT GRÖNEMEYER Da wanderten bei „Angst“ alle Feuerzeuge in die Höhe. Für „Sag mir, wo die Blumen sind“ kamen dann wieder viele Künstler zusammen. RIO REISER sang mit ihnen zusammen „Alles Lüge“ und (mittlerweile war es nachts um zwei) ungeplant und völlig heiser und windschief sich allein am Klavier begleitend zum Abschluss „Over the rainbow“, da lief es nicht nur dem Publikum vor der Bühne eiskalt den Rücken runter.

Der Widerstand klang vielfältig: Blues, Jazz, Pop, Rock, Punk – ein Gipfeltreffen der damaligen Szene. Aber er vereinte 120.000 Menschen in ihrer gemeinsamen Idee auf dem Höhepunkt der Protestkultur der 80er Jahre. Und er schaffte auch Brücken ganz anderer Art. So ist überliefert, dass Campino nach einem Gespräch mit Herbert Grönemeyer eingestand: Der Typ ist okay! Ein tolles Stück Zeitgeschichte! Nicht nur für die, die live dabei waren, auch für alle, die sich an dieses Protest-Gefühl aus den 80ern erinnern.

(Unter Verwendung von Informationen aus: „Von Musikern, Machern und Mobiltoiletten – 40 Jahre Open Air Geschichte“)

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